Fagus-Werk Alfeld

Die ersten Schritte des Bauhausstils?

Alfeld Fagus 08JUL15

Fagus-Werk Alfeld. Überblick

Das Fagus-Werk bei Alfeld wurde 1911-14 erbaut. Seit über 100 Jahren stellt man hier Schuhleisten aus Buchenholz her. 2011 erklärte die UNESCO das Fagus-Werk zum Weltkulturerbe. Die Fabrik gilt als wegweisend für die moderne Industriearchitektur: Charakteristisch sind Funktionalität, Schmucklosigkeit und die Kombination aus Stahlskelettbau und gläserner Fassade.

 

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Leisten Herstellung Fagus Werk

Eine wegweisende Idee: passende Schuhe

Bis ins 19. Jahrhundert hatten linker und rechter Schuh die gleiche Form. Der Arzt Georg von Meyer (1815-92) forderte Bahnbrechendes: Man solle die Schuhform der Fußform anpassen. Ein passender Schuh verhindert Fußerkrankungen und erleichtert das Laufen.

Der Fabrikant Carl Benscheidt (1858-1947) leistete einen wertvollen Beitrag zur Fußgesundheit: Er ließ asymmetrische Schuhleisten herstellen. Sie geben dem Schuh bei der Herstellung die Form.

Der Fabrik-Komplex

Das Fagus-Werk ist ein Gebäude-Komplex, der aus mehreren Einzelbauten besteht und in zwei Bauphasen entstand.

Pförtnerhaus. Fagus-Werk Alfeld

Pförtnerhaus

Wenn man vom Bahnhof Alfeld die Hannoversche Straße westwärts geht, erreicht man auf der rechten Straßenseite das Gelände des Fagus-Werks. Man passiert das Pförtnerhaus, das links am Eingang steht. Geht man weiter, erblickt man schräg links das Hauptgebäude:

Fagus-Werk Alfeld (UNESCO-Welterbe in Niedersachsen). Architekt: Walter Gropius, Adolf Meyer, Ernst E. Werner. Hauptgebaeude

Das Foto zeigt das Fagus-Werk vom Eingang an der Hannoverschen Straße aus. Man blickt nordwärts:

  • Rechts der Ostflügel des Hauptgebäudes mit Vestibül und Haupttreppenhaus. Ursprünglich befanden sich an der Längsseite drei Eingänge. Der mittlere wurde entfernt. Auf dem Foto kaum erkennbar sind die eingeklappten Halterungen der Sonnenschutzsegel im 1. Obergeschoss an der Längsseite. An höchster Stelle, unterhalb der Dachkante, steht der Name des ehemaligen Firmenbesitzers „KARL BENSCHEIDT“.
  • Links davon die Werkstätten mit den großen Fensterflächen.
  • Es folgt das Trockenhaus mit kleinen Rechteckfenstern.
  • Dahinter befindet sich das Holzlager.
  • Die Sägerei bildet den Abschluss des Gebäudeensembles. Die Baumstämme lagerten im Freien (Siehe Foto.).

Wenn man am Ostflügel entlang nach Norden geht, gelangt man zur „Rückseite“ des Firmengrundstücks. Von dort hat man folgenden Blick auf das Fabrikgebäude:

Fagus-Werk Alfeld 03

Schlosserei

Wendet man den Blick nach rechts, blickt man auf die Schlosserei und die Schmiede, die südöstlich des Hauptgebäudes stehen. Im Fagus-Werk wurden auch Stanzmesser hergestellt. Geht man zwischen Hauptgebäude und Schlosserei entlang, nähert man sich den Gleisen und weiteren Gebäuden.

Fagus Gropius Hauptgebaeude 200705 wiki rueckseite

Das Foto zeigt das Fagus-Werk von einem Standort kurz vor den Gleisen. Man blickt nach Westen:

  • Links der Nordflügel des L-förmigen Hauptgebäudes mit Verwaltungsräumen. Gut sichtbar steht der Unternehmensname an der Attika: „FAGUS – WERK“.
  • Rechts davon das niedrige Kessel- und Maschinenhaus mit dem Schornstein. Die Dampfmaschine von früher ist durch die Kaffeemaschine ersetzt worden, denn hier befindet sich die Cafeteria.
  • Dahinter steht das Holzlager. Früher prangte an der Längsseite der Schriftzug „SCHUHLEISTEN- UND STANZMESSERFABRIK“. Inzwischen befindet sich hier eine Ausstellung.

Nebengebäude

Spänebunker, Fagus-Werk Alfeld 06

Fagus-Werk Alfeld 04

Zur Fabrik zählen noch zwei Gebäude an den Gleisen, die die Nordgrenze des Fabrikgeländes bilden:

  • Der Späne- und Kohlebunker am Bahngleis steht gegenüber des Nordflügels. Ein Spänehaus von 1911 wurde 1923-24 nach Plänen von Gropius und Meyer erweitert. Die Bauleitung hat der Architekt Ernst Neufert (1900-86) inne.
  • Östlich vom Spänebunker befindet sich das Häuschen der Gleiswaage.

Nicht mehr erhalten haben sich Nebengebäude an der Hannoverschen Straße (u. a. Fahrradunterstellplätze).

Fagus-Werk Innenräume: die Werkstätten

Leisten Herstellung Fagus Werk

Eine wegweisende Idee: passende Schuhe

Bis ins 19. Jahrhundert hatten linker und rechter Schuh die gleiche Form. Der Arzt Georg von Meyer (1815-92) forderte Bahnbrechendes: Man solle die Schuhform der Fußform anpassen. Ein passender Schuh verhindert Fußerkrankungen und erleichtert das Laufen.

Der Fabrikant Carl Benscheidt (1858-1947) leistete einen wertvollen Beitrag zur Fußgesundheit: Er ließ asymmetrische Schuhleisten herstellen. Sie geben dem Schuh bei der Herstellung die Form. Das Wort „Fagus“ ist lateinisch und bedeutet „Buche“, denn die Schuhleisten bestehen aus Buchenholz (Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder Deutschlands„). 

Werkbänke Leisten Herstellung Fagus Werk

Das Foto zeigt einen Werkraum im Nordflügel des Hauptgebäudes. Die großen Fenster sollten bessere Lichtverhältnisse bieten. Bis in die Gegenwart stellt man im Fagus-Werk Schuhleisten her. 

1911-1914 durch die Architekten Walter Gropius und Adolf Meyer erbautes Fagus-Werk in Alfeld Leine, Fotograf Edmund Lill, Provenienz Landesmuseum Oldenburg

Fagus-Werk als Foto-Objekt

Zur Bekanntheit des Fagus-Werks trugen die Fotografien bei. Das nebenstehende Foto entstand um 1912 durch den Fotografen Edmund Lill (1874-1958) aus Hannover.

1928 erhielt der Fotograf Albert Renger-Patzsch (1897-1966) ebenfalls den Auftrag, das Fagus-Werk abzubilden (Diese Fotografien findet man unter: https://prometheus-bildarchiv.de/de/series/2011/26/index). 1952 fotografierte Renger-Patsch das Fagus-Werk erneut.

Drei Architekten: Werner, Gropius, Meyer & Neufert

Das „Fagus-Werk“ ist mit dem Namen eines Architekten verknüpft: Walter Gropius. Das Fagus-Werk war aber nicht das Werk eines Einzelnen. An der Planung waren drei Architekten beteiligt: Werner, Gropius und Meyer. Ein vierter Architekt, Ernst Neufert, war später Bauleiter vor Ort.

Der erste Plan für das Fagus-Werk stammt von dem Architekten Ernst Eduard Werner (1847-1923) aus Hannover (mehr Infos), der bereits Erfahrung im Industriebau hatte.

Behrens Assistenten im Atelier 1908.jpg
Behrens Assistenten im Atelier, 1908. Von nicht angegeben (unbekannt) - C. Arthur Croyle: Hertwig: The Zelig of Design. (Teaser). Culicidae Press, 2011, S. 102. ISBN 9780557729692., PD-alt-100, Link

Durch Vermittlung von Gropius‘ Schwager, der in Alfeld tätig war, kam der Unternehmer Benscheidt in Kontakt mit Walter Gropius (1882-1969). Benscheidt erteilte Gropius den Auftrag, Werners Plan in moderner Gestalt auszuführen. Zusammen mit dem Architekten Adolf Meyer (1881-1929) gab Gropius den Plänen Werners eine moderne Fassade. Die Fagus-Werke sind Gropius‘ Erstlingswerk und machten ihn bekannt. Er wurde später Leiter des Bauhauses, für das er das Schulgebäude entwarf.

Adolf Meyer war mit Walter March für den Bau des Hauses Am Horn in Weimar verantwortlich (Teil des Bauhaus-Welterbes). Meyer ertrank 1929 im Wattenmeer vor Baltrum.

Ernst Neufert (1900-86) war Gropius‘ Schüler und ab 1922 Bauleiter. Er hat 1936 die „Bibel der Architekten“ geschrieben: die „Bauentwurfslehre“, meist „Neufert“ genannt. Zu seinen späteren Werken, zusammen er mit seinem Sohn Peter Neufert entwarf, zählen u. a. der Ernst-Neufert-Bau (Mathildenhöhe, Darmstadt), das Quelle-Versandzentrum (Nürnberg) oder das Eternit-Werk (Leimen). (Mehr Infos: neufert-stiftung.de).

Das Foto unten von 1908 zeigt Adolf Meyer (zweiter von links) und Walter Gropius (erster von rechts). Sie arbeiteten als Assistenten im Architekturbüro von Walter Behrens. Die anderen Assistenten sind:

  • 1. v. l.: Mies van der Rohe (1886-1969),
  • 3. v. l., am Fenster: Bernhard Weyrather (1886-1946),
  • 4. v. l., am Tisch: Max Hertwig (1881-1975),
  • 5. v. l.: Jean Krämer (1886-1943).

Warum ist das Fagus-Werk UNESCO-Welterbe?

Die UNESCO hat im Jahr 2011 das Fagus-Werk zum Welterbe erklärt, weil zwei (von zehn) Welterbe-Kriterien erfüllt sind (Übersetzung durch das Auswärtige Amt):

„Kriterium (ii): Im Fagus-Werk in Alfeld kommt der beachtliche Austausch zwischen verschiedenen Generationen deutscher, europäischer und nordamerikanischer Architekten, der eine rationale und moderne Architektur hervorbrachte, zum Ausdruck. […] Es beeinflusste in der Folge viele andere architektonische Werke und war Ausgangspunkt der Bauhaus-Bewegung.

Kriterium (iv): Als Manifest der Moderne in der Architektur hat das Fagus-Werk seinem Gestalter Walter Gropius internationale Anerkennung gebracht. Es ist ein Beispiel für den innovativen Einsatz der Vorhangfassade, der Licht und Leichtigkeit gleichermaßen fördert. […].“ (Quelle: https://www.auswaertiges-amt.de/blob/2277208/27a58639a3138a60df1d79c343e5ef14/35-fagus-werk-data.pdf)

Weitere Werke der Architekten

Landmaschinenfabrik Kappe (Am Bahnhof 8, 1, Alfeld)

Gropius/Meyer: Landmaschinenfabrik Kappe

Das Fagus-Werk ist nicht das einzige Gebäude in Alfeld, das Gropius und Meyer geplant haben. Wer am Bahnhof aussteigt, blickt direkt auf ein zweites Bauwerk derbeiden Architekten: die ehemalige Landmaschinenfabrik Kappe (Adresse: Am Bahnhof 8). Das Fabrikgebäude entstand zwischen 1922 und 1925. Informationen: https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/34581698/1/-/

Weimar, Haus am Horn, 2019-09 CN-05

Meyer: Haus am Horn (Weimar)

Adolf Meyer entwarf zusammen mit Georg Muche das Musterhaus Am Horn. Es steht in Weimar am Ilmpark. Das Musterhaus entstand 1923 für die erste Bauhausausstellung. Das Foto zeigt das Esszimmer. Das Haus war das erste Bauwerk, das die Prinzipien des Bauhauses veranschaulichen sollte, und das einzige in Weimar (Webseite. http://www.hausamhorn.de/).Seit 1996 zählt das Haus zum UNESCO-Welterbe „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau„. Erst später entstand in Dessau das Schul- und Werkstattgebäude: das Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius.

6268 Dessau

Gropius: Bauhaus

Weitere Bauwerke von Walter Gropius sind das Bauhaus-Gebäude (1925-26, siehe Foto) und vier Meisterhäuser in Dessau. Sie zählen mit Bauten in Weimar und Bernau bei Berlin zum UNESCO-Weltkulturerbe „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“. In Berlin plante Gropius Wohnäuser in der Großsiedlung Siemenstadt. Sie zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe „Siedlungen der Berliner Moderne.“

Fagus-Werk im Vergleich

Die Architektur des Fagus-Werkes war ungewöhnlich. Bahnbrechend war sie nicht. Schon vor dem Fagus-Werk hatte man neue Wege beschritten, nämlich in einer Fabrik für Kuscheltiere:

Giengen Fabrikhalle Steiff

Nordöstlich von Ulm liegt Giengen an der Brenz. Die Steiff-Fabrik, in der man die Steiff-Teddybären herstellt, wurde schon 1903 erbaut. Auf traditionellen Backstein wie beim Fagus-Werk verzichtete man. Die Architekt*innen der Steiff-Fabrik sind unbekannt, in Frage kommt Richard Steiff (1877-1939). Er hatte an der Kunstgewerbeschule Stuttgart studiert und in England wohl auch Stahl-Glas-Konstruktionen kennengelernt. (Vgl. Reiff, Angelika: Architektur ohne Architeken: Die gläsernen Bauten der Spielwarenfabrik Steiff, 1992,  pdf)

Van-Nelle-Fabrik, Rotterdam (UNESCO-Weltkulturerbe).

Van-Nelle-Fabrik (Rotterdam)

UNESCO-Weltkulturerbe ist auch die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam (UNESCO-Webseite: http://whc.unesco.org/en/list/1441). Mit ihren geschwungen Fassadenlinien, dem runden Dachpavillon und den schrägen Brücken lässt die Van-Nelle-Fabrik sowohl die Steiff-Fabrik als auch das Fagus-Werk durch ihre Kastenförmigkeit undynamisch wirken. Die Van-Nelle-Fabrik entstand aber auch später, nämlich 1923-31 – aber zeitgleich mit dem Bauhaus-Gebäude in Dessau. Die Van-Nelle-Fabrik ist das Werk der niederländischen Architekten Leendert van  Vlugt und Johannes Brinkman (der genaue Anteil an der Planung ist umstritten.). Webseite: http://vannellemuseum.com/

Fagus-Werk besuchen

Kontakt

Adresse UNESCO-Welterbe Fagus-Werk
Hannoversche Straße 58
31061 Alfeld-Hannover
E-Mail info(at)fagus-werk.com
Telefon +49(0)5181-79-0
Fax

Anreise zu Fagus-Werk

Lage

Das Fagus-Werk liegt bei der Kleinstadt Alfeld in Niedersachsen. Die nächstgrößeren Städte sind Hannover (im Norden) und Göttingen (im Süden).

 

Auto

  • Anreise von Göttingen (Süden): Von der A 7 bei Northeim Nord auf die B3 nach Norden Richtung Einbeck  abbiegen.
  • Anreise von Hannover (Norden): Bei Hannover auf die B 3 nach Süden Richtung Pattensen, Elze.

 

Rad

Die Leine fließt von Südosten nach Nordwesten. Durch das Leintal folgen dem Flußlauf

  • der Leine-Heide-Radweg (LHR) zwischen Leinefelde (Thüringen) und Hamburg
  • die Hannoversche Straße und
  • die Eisenbahnlinie Göttingen-Hannover.
  • Weiter südlich, bei Kreisen, stößt der Leine-Heide-Radweg auf die D-Route 3 (Europaradweg R1).

 

Bahn

Der Bahnhof Alfeld befindet sich ein paar Schritte neben dem Werksgelände. Das Fagus-Werk liegt zwischen der Straße und der Eisenbahnlinie am Südufer der Leine, Alfeld am Nordufer. 

Quellen