Immaterielles Kulturerbe in Deutschland

Nirgendwo und überall: Ideen als Erbe der Menschheit

Silbermannorgel in der Georgenkirche Rötha - Organist

Immaterielles Kulturerbe in Deutschland - was ist das?

Seit 2008 wird das materielle Weltkulturerbe (z. B. Wartburg, Limes oder Kölner Dom) ergänzt durch das immaterielle Kulturerbe in Deutschland, z. B. die Genossenschaftsidee.

  • Eine Idee ist immateriell, d. h. man kann sie weder sehen noch anfassen. Aber man kann diese Idee ausdrücken, z. B. durch Sprache („Gründet eine Wohnungsbaugenossenschaft!“), Dokumente (Schreiben von Verträgen, Zeichnen von Grundrissen) oder Architektur (Bau von Genossenschaftswohnungen). Immateriell sind nicht nur Ideen, sondern auch Wissen oder Bräuche.
  • Manche Ideen oder Kenntnisse sind Kulturerbe, d. h. sie werden im Laufe der Zeit von Generation zu Generation weitergegeben. Z. B. ist das Wissen, wie man mit Falken jagt, mehrere tausend Jahre alt. Ideen können sich räumlich ausbreiten: Was der eine erfunden hat, ahmt der andere nach. Daher findet man eine Idee, z. B. mit Falken zu jagen, an vielen Orten, nicht nur in Deutschland.

Liste - Immaterielles Kulturerbe in Deutschland

Das immaterielle Kulturerbe in Deutschland umfasst bislang vier Ideen und Kenntnisse. Es gibt aber viel mehr Ausdrucksformen: Ein und dieselbe Idee kann sich ja zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen Orten unterschiedlich ausdrücken. Z. B. hat die eine Genossenschaftsidee in Deutschland ihren Ausdruck gefunden in Genossenschaftswohnungen, Genossenschaftszeitungen oder Genossenschaftsbanken.

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Genossenschaftsidee

Eine Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von Personen, um gemeinsam etwas zu produzieren oder zu (ver)kaufen. Zu Genossenschaften in Deutschland zählen u.a. Wohnungsbaugenossenschaften (Webseite), Einkaufsgenossenschaften wie EDEKA und REWE, die Raiffeisenbanken und Sparda Banken oder die Verlagsgenossenschaft der taz. Genossenschaften existierten schon im Mittelalter; im 19. Jahrhundert machten Hermann Schulze-Delitsch und Friedrich Raiffeisen die Genossenschaftsidee populär.

  • Immaterielles Kulturerbe seit: 2016 (Nr. 01200) (UNESCO-Webseite)
  • Genossenschaftsidee (UNESCO-Webseite)
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Falknerei

Falknerei ist die Jagd mit Greifvögeln; nicht nur mit Falken, sondern auch mit Habicht, Adler oder Uhu. Die Falknerei wird weltweit praktiziert, z. B. in der Mongolei und Saudi-Arabien. Ein bekannter Falkner war Kaiser Friedrich II. der um 1240 ein Buch über die Falkenjagd schrieb. Umstritten ist, ob der Tierschutz gewährleistet ist.

  • Immaterielles Kulturerbe seit: 2016 (Nr. 01209)
  • Falknerei (UNESCO-Webseite)
Silbermannorgel in der Georgenkirche Rötha 4

Orgelbau und Orgelmusik

Bedeutende Orgelbauer waren Gottfried Frietsche, Arp Schnitger (Norddeutschland) und die Gebrüder Silbermann (Sachsen, Elsass). Zu den bedeutenden Orgelmusikern zählen Samuel Scheidt, Buxtehude oder Johann Sebastian Bach.

Blaudruck. Armelittekelsch Musée alsacien Strasbourg-3

Blaudruck

Blaudruck ist ein Verfahren, um Stoffe mithilfe von sogenannten „Modeln“ blau-weiß zu färben. Ab 1678 breitete sich das Verfahren von Amsterdam über Europa aus. Die älteste Blaudruckwerkstatt Europas existiert in Einbeck (Niedersachsen), in Deutschland gibt es insgesamt noch 12 Betriebe.

  • Immaterielles Kulturerbe seit: 2018 (Nr. 01365)
  • Blaudruck (UNESCO-Webseite)

Materielles und Immaterielles Kulturerbe

Materielles und immaterielles Kulturerbe ergänzen einander. Z. B. ist der Kölner Dom ein (materielles) UNESCO-Weltkulturerbe. Erbaut haben ihn die Mitglieder der Kölner Dombauhütte, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergaben. Das Bauhüttenwesen ist für das immaterielle Kulturerbe nominiert.

  • Der Kölner Dom ist einerseits Ausdruck einer Idee („Lasst uns einen Dom bauen!“) und des Wissens („So baut man einen Dom, der nicht einstürzt.“). 
  • Andererseits kann der Kölner Dom auch Eindruck machen: Ein Besuch des Doms kann die Menschen auf neue Ideen bringen („Lasst uns den Dom erforschen!“) und Wissen vermitteln („So baute man im Mittelalter.“).

Fragen zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland

  • Was ist ein immaterielles Kulturerbe? Das ist der Teil der Kultur, den man nicht sehen oder anfassen kann. Z. B. kann man Ideen oder Wissen weder sehen noch anfassen. Ideen und Wissen können aber ausgedrückt werden, z. B. durch Sprache, Musik oder Körperbewegungen (Tanz, Theater).
  • Was ist der Unterschied zwischen dem „Bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ und der „Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“? Das Bundesweite Verzeichnis ist eine nationale Liste Deutschlands, die Repräsentative Liste ist eine internationale Liste der UNESCO. Ein Eintrag in der nationalen Liste ist Voraussetzung für einen Eintrag in die UNESCO-Liste.
  • Wie gelangt etwas in das Bundesweite Verzeichnis? Schritt 1. Bürger*innen schlagen eine Ausdrucksform für die Nationale Liste vor (Link zum Formular). Schritt 2. Jedes Bundesland wählt bis zur vier Vorschläge aus und leitet sie an die Kultusministerkonferenz. Schritt 3. Ein Expertenkomitee prüft die Vorschläge und schlägt eine Auswahl vor. Schritt 4. Die Kultusministerkonferenz und der/die Bundesbeauftragte für Kultur bestätigen die Empfehlung.
  • Wie gelangt ein Eintrag vom Bundesweiten Verzeichnis in die Repräsenative Liste? Schritt 1. Jeder Staat schlägt pro Jahr einen Eintrag aus der nationalen Liste vor. Schritt 2. Der „Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ entscheidet über die Aufnahme in die Repräsentative Liste.
  • Wie viele Einträge umfasst das Bundesweite Verzeichnis? 88 Einträge (Bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes: pdf-Datei ).
  • Wie viele und welche Einträge  sind auf der Vorschlagsliste für Deutschland? Zwei: „Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ und das „Bauhüttenwesen“.
  • Wie lang ist die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“? Auf der Liste sind 463  Ausdrucksformen aufgeführt.
  • Wie viele Ausdrucksformen des immateriellen Kulturerbes gibt es in Deutschland? Vier.
  • Welches ist das älteste immaterielle Kulturerbe in Deutschland? Die Falknerei. Zwischen 200 und 400 n. Chr. lernten Germanen durch die (iranischen) Sarmaten die Falkenjagd kennen.
  • Kann der Status als immaterielles Kulturerbe aberkannt werden? Ja. Das ist bislang einmal vorgekommen: 2019 strich der Zwischenstaatliche Ausschuss den „Straßenkarneval von Aalst“ in Belgien von der Repräsentativen Liste, nachdem die Stadt darum gebeten hatte. Die UNESCO begründete die Aberkennung mit antisemitischen und rassistischen Darstellungen (Link zur UNESCO).
  • Gibt es noch mehr UNESCO-Listen? Ja: eine Rote Liste („Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes“) und das UNESCO-Register Guter Praxisbeispiele.

Fragen zum Besuch des immateriellen Kulturerbes in Deutschland

Wo kann ich das immaterielle Kulturerbe besuchen? Mit etwas Glück in Ihrer Wohnung – falls Sie in einer Genossenschaftswohnung leben. Denn eine solche Wohnung ist Ausdrucksform der Genossenschaftsidee, die zum immateriellen Kulturerbe zählt. Falls Sie bei der Einkaufsgenossenschaft EDEKA die taz kaufen, halten Sie eine weitere Ausdrucksform der Genossenschaftsidee in Händen. Und die Orgel in Ihrer Kirche ist Ausdruck des immateriellen Kulturerbes „Orgelbau und Orgelmusik„.

Gibt es Museen, Werkstätten oder Informationszentren zum immateriellen Kulturerbe? Ja, hier ist eine Auswahl*:

* Die Auswahl besagt nichts über die Qualität der Arbeit der Träger*innen des immateriellen Kulturerbes oder des Museums.