Jeder kennt das Chilehaus. Aber wer kennt den Dovenhof? Bei seiner Fertigstellung 1886 war er eine architektonische Pionierleistung: das erste Kontorhaus Hamburgs, Vorbild für viele andere Gebäude. Vermutlich wäre der Dovenhof auch Teil des Weltkulturerbes – hätte man ihn nicht 1967 abgerissen, um dem Spiegel-Redaktionsgebäude Platz zu machen.


Dovenhof und Speicherstadt

Der Dovenhof wurde 1885 bis 1886 an der Brandstwiete 1 errichtet. Diese Straße ist der südliche Abschnitt der Nord-Süd-Achse Jungfernstieg – Brandstraße – Alter Fischmarkt, die die Altstadt durchzieht und über die Kornhausbrücke in die Speicherstadt führt. Der Dovenhof lag also an prominenter Stelle, direkt an einem der Hauptzugänge zu den Speichern. Deren Bau begann 1883, zwei Jahre später folgte der Spatenstich für den Dovenhof, der zeitlich vor der Speicherstadt vollendet wurde. Erst 1888 war der erste Abschnitt der Speicherstadt fertig, bis zur Fertigstellung der gesamten Anlage vergingen fast 30 Jahre. Beim Bau des Dovenhofs stand also das Lagervolumen der Speicherstadt noch gar nicht zur Verfügung; zugleich war absehbar, dass das Volumen in Zukunft zunehmen würde. Der Dovenhof vereinte noch Kontor- und Lager-Funktion, diente aber nicht mehr dem Wohnen.


Das Gebäude

Der Architekt Martin Haller entwarf für den Kaufmann Heinrich Ohlendorff ein Gebäude, bei dem sich ein neuer Bautyp mit moderner Technik hinter einer Fassade im Neorenaissance-Stil und mit traditionellen Materialien (Granit, Sandstein) verbirgt. Der Dovenhof soll „nach Londoner Anregungen zur Vermietung von Einzelkontoren und Musterlagern an verschiedene Handelsfirmen“ (Dehio: Hamburg, Schleswig-Holstein, 1994, S. 37) entworfen worden sein. Der Gebäudetyp der Passage, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkam, mag ebenfalls als Vorbild gedient haben. Die westliche Hälfte des rautenförmigen Grundstücks nahm der Passagenriegel ein, die östliche zwei Innenhöfe und angrenzende Lagerräume (siehe Grundriss oben).

Das Innere des Dovenhofs

Trat man von der Brandstwiete durch das Portal an der westlichen Längsseite, gelangte man durch einen Vorraum in ein hohes achteckiges Vestibül, das der Verteilung der Besucher diente. Eine Treppe und ein dampfgetriebener Paternoster von Hennicke & Goos, der erste Kontinentaleuropas, führten in die oberen Stockwerke. Zu beiden Seiten des Vestibüls erstreckte sich ein überdachter, galerieumsäumter Lichthof für die horizontale Erschließung. Der nördliche Lichthof führte weiter in einen Korridor, der in den Nordflügel abknickte, diesen durchzog und zu beiden Seiten Kontore erschloss. Im Gebäude gab es noch mehr Treppen, außerdem Warenaufzüge, die den Vertikaltransport erleichterten. Modern waren die elektrische Beleuchtung und die Dampfheizung. Im Vergleich zu den Hamburger Bürgerhäusern, die sich auf schmalen Parzellen aneinander schmiegten, besaß der Dovenhof bis dahin unbekannte Dimensionen: Er füllte die gesamte Breite des Straßenblocks aus.


Vergleich Dovenhof und die Kontorhäuser des 20. Jahrhunderts

Der Dovenhof unterscheidet sich in mehrererlei Hinsicht von den später erbauten Kontorhäusern des 20. Jahrhunderts, denen man im Kontorhausviertel begegnet:

  • Der Dovenhof wurde in Massivbauweise errichtet, d. h., die Außen- und Innenwände hatten eine tragende Funktion; die Gebäude im Kontorhausviertel sind dagegen in Skelettbauweise errichtet: ein Tragskelett aus Stützen und Decken führt die Last ab, Außen- und Innenwände haben keine tragende Funktion, sondern dienen lediglich der Trennung von Außen- und Innenraum bzw. der Binnengliederung.
  • Als Material kam beim Dovenhof Naturstein zum Einsatz, bei den Kontorhäusern Backstein für die Fassade und Stahlbeton für die Stützen und Decken.
  • Die Fassadengestaltung des Dovenhofs nimmt Motive der französischen Renaissance auf, das Chilehaus zeigt hingegen Einflüsse der norddeutschen Backstein-Gotik.
  • Die markante Dachlandschaft des Dovenhofs ist den Gebäuden im Kontorhausviertel fremd: Dort dominiert das Flachdach, meist in Kombination mit gestaffelten Obergeschossen.
  • Nicht zuletzt sind die Dimensionen des Dovenhofes andere als die der später errichteten Kontorhäuser: die Grundfläche ist kleiner und die Gebäudehöhe geringer.

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Dovenhof unzerstört, 1967 wurde er abgerissen.

Pincerno - Dovenhof 1900.jpg
Dovenhof, Blick auf die Südwestecke. Urheber unbekannt, 1900 – pincerno, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3914761


Literatur

Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Hamburg, Schleswig-Holstein. Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm (Hamburg) und Lutz Wilde (Lübeck). München, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 1994.

 


Beitragsbild: Von Martin Haller († 1925) – pincerno; * Hamburg-Lexikon, Zeiseverlag Hamburg, 2. Auflage 2000, S. 283, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3921713