Jeder kennt das Chilehaus. Aber wer kennt den Dovenhof? Bei seiner Fertigstellung 1886 war er eine architektonische Pionierleistung: das erste Kontorhaus Hamburgs, Vorbild für viele andere Gebäude. Vermutlich wäre der Dovenhof auch Teil des Weltkulturerbes – hätte man ihn nicht 1967 abgerissen, um dem Spiegel-Redaktionsgebäude Platz zu machen.

Lage

Der Dovenhof wurde an der Brandstwiete 1 errichtet. Diese Straße ist der südliche Abschnitt der Nord-Süd-Achse Jungfernstieg – Brandstraße – Alter Fischmarkt, die die Altstadt durchzieht und über die Kornhausbrücke in die Speicherstadt führt. Der Dovenhof lag also an prominenter Stelle, direkt an einem der Hauptzugänge zu den Speichern.

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Dovenhof

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Dovenhof 53.546961, 9.997693

Das Gebäude

Der Architekt Martin Haller entwarf für den Kaufmann Heinrich Ohlendorff ein Gebäude, bei dem sich ein neuer Bautyp mit moderner Technik hinter einer Fassade im Neorenaissance-Stil und mit traditionellen Materialien (Granit, Sandstein) verbirgt. Der Dovenhof soll „nach Londoner Anregungen zur Vermietung von Einzelkontoren und Musterlagern an verschiedene Handelsfirmen“ (Dehio: Hamburg, Schleswig-Holstein, 1994, S. 37) entworfen worden sein. Der Gebäudetyp der Passage, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkam, mag ebenfalls als Vorbild gedient haben. Die westliche Hälfte des rautenförmigen Grundstücks nahm der Passagenriegel ein, die östliche zwei Innenhöfe und angrenzende Lagerräume (Siehe Grundriss oben.).

Das Innere des Dovenhofs

Trat man von der Brandstwiete durch das Portal an der westlichen Längsseite, gelangte man durch einen Vorraum in ein hohes achteckiges Vestibül, das der Verteilung der Besucher diente. Eine Treppe und ein dampfgetriebener Paternoster von Hennicke & Goos, der erste Kontinentaleuropas, führten in die oberen Stockwerke. Zu beiden Seiten des Vestibüls erstreckte sich ein überdachter, galerieumsäumter Lichthof für die horizontale Erschließung. Der nördliche Lichthof führte weiter in einen Korridor, der in den Nordflügel abknickte, diesen durchzog und zu beiden Seiten Kontore erschloss. Im Gebäude gab es noch mehr Treppen, außerdem Warenaufzüge, die den Vertikaltransport erleichterten. Modern waren die elektrische Beleuchtung und die Dampfheizung. Im Vergleich zu den Hamburger Bürgerhäusern, die sich auf schmalen Parzellen aneinander schmiegten, besaß der Dovenhof bis dahin unbekannte Dimensionen: Er füllte die gesamte Breite des Straßenblocks aus.

Laeiszhof als Anschauungsbeispiel

Um sich einen ungefähren Eindruck vom Inneneren des Dovenhofs zu machen, bietet sich der Laeishof an. Er wurde 1897-98 an der Trostbrücke 1 erbaut. Architekten waren Haller, Hanssen und Meerwein. Das linke Foto zeigt den Lichthof des Dovenhofs; die Fotos rechts wurden im Laeiszhof aufgenommen. In beiden Gebäuden handelt es sich um einen großen, mehrstöckigen Raum. Er ist von oben belichtet und von Galerien umsäumt. Der Laeiszhof ist  – wie einst der Dovenhof – mit einem Paternoster ausgestattet. Er zählt zu den letzten ihrer Art, die noch in Betrieb sind. Der Laiszhof wirkt eleganter: Der Lichthof ist breiter, die schweren Baluster sind durch ein filigranes Eisengitter ersetzt; die dunklen Tragarme der Galerien, die die Decken visuell zerstückeln, sind hellen Deckenflächen gewichen. 

Pincerno - Lichthof Dovenhof.jpg
Von unbekannt, 1886 - pincerno; Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München, 2. Auflage 1997, S. 300, ISBN 3-577-14443-2, PD-alt-100, Link

Laeiszhof Treppenhaus
Hamburg Trostbruecke 1 01 KMJ

Dovenhof und Speicherstadt

Der Bau der Speicherstadt begann 1883, 1888 war der erste Abschnitt der Speicherstadt vollendet, bis zur Fertigstellung der gesamten Anlage vergingen fast 30 Jahre.

Als 1885 der Spatenstich für den Dovenhof erfolgte, waren die Bauarbeiten an der Speicherstadt zwar schon zwei Jahre im Gange, aber noch lange nicht beendet. Bei der Fertigstellung des Dovenhofs stand also das Lagervolumen der Speicherstadt noch gar nicht zur Verfügung; zugleich war absehbar, dass das Volumen in Zukunft zunehmen würde. Der Dovenhof bedeutete in der Entwicklung der Gebäudetypen einen Fortschritt:

  • Das Hamburger Bürgerhaus vereint die Funktionen Wohnung, Warenlager und Kontor unter einem Dach. 
  • Der Dovenhof dient noch der Kontor- und Lager-Funktion, aber nicht mehr dem Wohnen.
  • In einer dritten Phase, sich anbahnend mit dem Bau der Speicherstadt, werden auch Kontor und Lager räumlich voneinander getrennt. Zugleich vereint man Gebäude der gleichen Funktion in spezialisierten Stadtvierteln:
    • Die Speicher sind in der Speicherstadt vereint.
    • Die Kontore sind in Kontorhäusern untergebracht, die sich im Kontorhausviertel befinden.
    • Die Wohnungen der Kaufleute und die der Arbeiter sind in Villen- und Arbeitervierteln ausgelagert.

Vergleich Dovenhof und die Kontorhäuser des 20. Jahrhunderts

Der Dovenhof unterscheidet sich in mehrererlei Hinsicht von den später erbauten Kontorhäusern des 20. Jahrhunderts, denen man im Kontorhausviertel begegnet:

  • Der Dovenhof wurde in Massivbauweise errichtet, d. h., die Außen- und Innenwände hatten eine tragende Funktion; die Gebäude im Kontorhausviertel sind dagegen in Skelettbauweise errichtet: ein Tragskelett aus Stützen und Decken führt die Last ab, Außen- und Innenwände haben keine tragende Funktion, sondern dienen lediglich der Trennung von Außen- und Innenraum bzw. der Binnengliederung.
  • Als Material kam beim Dovenhof Naturstein zum Einsatz, bei den Kontorhäusern Backstein für die Fassade und Stahlbeton für die Stützen und Decken.
  • Die Fassadengestaltung des Dovenhofs nimmt Motive der französischen Renaissance auf, das Chilehaus zeigt hingegen Einflüsse der norddeutschen Backstein-Gotik.
  • Die markante Dachlandschaft des Dovenhofs ist den Gebäuden im Kontorhausviertel fremd: Dort dominiert das Flachdach, meist in Kombination mit gestaffelten Obergeschossen.
  • Nicht zuletzt sind die Dimensionen des Dovenhofes andere als die der später errichteten Kontorhäuser: die Grundfläche ist kleiner und die Gebäudehöhe geringer.

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Dovenhof unzerstört, 1967 wurde er abgerissen.

Pincerno - Dovenhof 1900.jpg
Dovenhof, Blick auf die Südwestecke. Urheber unbekannt, 1900 – pincerno, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3914761

Architekt & Bauherr

Der Architekt des Dovenhofs, Martin Haller (1835-1925), war auch beteiligt an der Planung des Hamburger Rathauses (1886-97) und der Laeiszhalle (mit Wilhelm Meerwein, 1904-08).

Der Bauherrr war Heinrich Ohlendorff (1836-1928). Sein Unternehmen, das Handelshaus Ohlendorff & Co., war bis zum 1. Weltkrieg der größte deutsche Importeur von Guano, der in Chile abgebaut wurde. Guano, die Exkremente von Seevögeln, diente als Dünger oder für die Sprengstoff-Produktion.

 

Literatur

Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Hamburg, Schleswig-Holstein. Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm (Hamburg) und Lutz Wilde (Lübeck). München, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 1994.


Beitragsbild: Von Martin Haller († 1925) – pincerno; * Hamburg-Lexikon, Zeiseverlag Hamburg, 2. Auflage 2000, S. 283, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3921713