In einer malerischen Landschaft mit prächtigem Alpenpanorama steht die Wieskirche, Weltkulturerbe seit 1983. Sie ist ein Meisterwerk des Rokoko: ein lichtdurchfluteter Innenraum mit kostbarer Ausstattung, filigranem Stuckwerk und farbenfroher Malerei. Die Wieskirche gilt als Hauptwerk der Gebrüder Dominikus und Johann Baptist Zimmermann, die bedeutende Vertreter des süddeutschen Rokoko sind.

Lage
Wer zur Wieskirche will, braucht Zeit. Vom Hauptbahnhof München dauert es mit der schnellsten Verbindung, das heißt: Regionalbahn und Bus, rund zwei Stunden, bis in der Ferne die Wieskirche auftaucht. Sie steht in einer dünn besiedelten Wald-, Wiesen- und Moorlandschaft im Alpenvorland – vor der Bergkulisse der Ammergauer Alpen. Nach Süden hin erheben sich der Schneidberg (1012 m NN) und die Hohe Bleick (1638 m NN).
Wieskirche in front of the Alps

Das Gebäudeensemble
Von Norden hat man einen guten Blick auf das Gebäudeensemble: Im Osten (im Bild links) erhebt sich hinter einer türmchenbewehrten Mauer das dreistöckige Prälatenhaus. „Hier wohnt das Glück.“ ritzte Abt Mayer in eine der Fensterscheiben. Wo früher die glücklichen Pfarrer wohnten, befindet sich heute u. a. das Wallfahrtsmuseum. Das Gebäude ist denkmalgeschützt, zählt aber nicht zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der 36 m hohe Kirchturm ähnelt dem der Wallfahrtskirche Steinhausen, die Dominikus Zimmermann zuvor gebaut hat. An den Turm schmiegt sich der Chor. In das bauchige Kirchenschiff gelangt man durch das Nordportal im Vorhaus.
Wieskirche AnsichtDas Äußere der Wieskirche ist übrigens nicht unumstritten. Manche sagen, dass die Wieskirche von außen doch recht schlicht sei…, vor allem, wenn man sie mit einem anderen Werk Zimmermanns vergleicht, der angeblich schönsten Dorfkirche der Welt in Steinhausen. Auch um die Bäume gibt es Diskussionen: Solle man sie stehen lassen? Oder fällen, um die Sicht auf die Wieskirche freizugeben?

Die Wieskapelle
An der Weggabelung vor der Wieskirche steht die Wieskapelle. Sie ist der Vorgängerbau und wurde 1739 oder 1740 errichtet. Nach kurzer Zeit erwies sie sich als zu klein für die Pilgerschar. 1745 bis 1750 baute man eine größere Kapelle: den Chor der Wieskirche. Der Pilgerstrom riss nicht ab und deshalb erweiterte man den Chor um das Kirchenschiff.
Steingaden - Wieskirche, Kapelle v N, Winter

Das Wohnhaus des Baumeisters
Biegt man an der Wieskapelle links ab, passiert man rechts ein altes Haus. Der Architekt der Wieskirche, Dominikus Zimmermann (1685 – 1766), ließ es 1751 erbauen und wohnte darin bis zu seinem Tod. Sein Sohn, Franz Dominikus, betrieb dort eine Wirtschaft. Heute kümmert sich der Gasthof Schweiger um das leibliche Wohl der Gäste.

Steingaden - Wies Nr 9 v NO

Innenraum
Ein Haupt- und zwei Nebenportale führen in einen schlichten Vorraum. Durch ein zweiflügeliges Tor gelangt man in das große, lichtdurchflutete Kirchenschiff – mit Blick auf den prächtigen Hochaltar im Chor.
Wieskirche 003Das Schiff hat eine elliptische Grundfläche. Vor der äußeren Raumschale stehen acht weiße Doppelpfeiler mit vergoldeten Kapitellen und mehrfach verkröpftem Attikagesims. Über jedem Doppelpfeiler prangt je eine Rocaille-Kartusche mit goldgelber Malerei. Dargestellt sind Allegorien der acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt. In das Schiff ragen die Kanzel (im Bild links) und die Abt-Loge (rechts). Auftraggeber und Financier der Wieskirche war das Prämonstratenser-Kloster Steingaden. Das Schiff öffnet sich nach Westen zur Orgel-Empore, nach Osten zum Chor. Um den Chor führt ein überwölbter Chorumgang. Die sechs Deckenfresken des Umgangs zeigen Wunder, die Jesus vollbrachte, z. B. die Heilung eines Gelähmten. In dem Umgang sind auch einige Votivbilder ausgestellt, die die Pilger*Innen gemalt haben.

Wieskirche 1.12Deckenbild
Das Deckenbild ist das Werk von Johann Baptist Zimmermann (1680 – 1758). In der Mitte thront Jesus auf einem Regenbogen, er zeigt auf das Kreuz und die Wunde in seiner Rechten. Auf der Chorseite steht der Richterthron bereit, gegenüber die verschlossene Himmelspforte. Das hölzerne Gewölbe ist am Dachstuhl befestigt. Vier Emporen im Gewölbe verbinden das Kirchenschiff mit dem Dachboden.

 

Wieskirche 1.9Chor
Der Wandaufbau des rechteckigen Chors ist dreizonig. Im Erdgeschoss sind die Wandöffnungen zum Chorumgang in der unteren Hälfte vergittert – mit dunklem Schmiedwerk. Darüber erhebt sich die lichte Emporenzone mit den weiß-blau glänzenden Stuckmarmorsäulen. Sie sind durch niedrige Balustraden mit weißen Gitteraufsätzen verbunden. Die Säulen tragen eine durchbrochene Hohlkehle, die zum Deckenbild überleitet. Dieser dreiteilige Wandaufbau des Chors ist am Außenbau – in vereinfachter Form – ablesbar: Jedem Fenster dort ist eine Wandöffnung des Chors zugeordnet.

Altar
Halbnackt, in Ketten und leidgebeugt steht er da: der Gegeißelte Heiland in der Wieskirche. Darüber pickt sich ein Pelikan für seine Jungen die Brust auf – ein Symbol für den sich aufopfernden Christus. Und darüber, in einer Nische, steht das Opferlamm auf einem Buch mit sieben Siegeln. Das Altarbild, es zeigt Jesus mit seiner Familie, hat Balthasar August Albrecht 1753-1754 gemalt. Der Hochaltar ist beidseitig von je drei rot-weißen Stuckmarmorsäulen umgeben.
Wieskirche 006
Orgelempore
Auf der Empore im Westen steht die Hörterich-Orgel aus dem Jahr 1757. Das Gehäuse und 475 Pfeifen (von ehemals 2892) sind original erhalten. Nach mehreren Veränderungen wurde die Orgel zuletzt 2010 renoviert. Es ist nun möglich, die Orgel annähernd so zu hören, wie sie in der Rokoko-Zeit erklang. Neben Gottesdiensten finden in der Wieskirche auch Konzerte statt.
Die Akustik von Barock- und Rokokokirchen unterscheidet sich von der romanischer oder gotischer Kirchen: Die große Oberfläche der zahlreichen Statuen und Stuckornamente sowie das hölzerne Gewölbe schlucken den Schall. Ein Ton hallt nicht so lange nach: Man versteht dann jedes Wort von der Kanzel, aber die Musik wirkt etwas trocken.
Wieskirche 1.20

Glocken
Erhalten haben sich die vier in Augsburg gegossenen Glocken aus den Jahren 1750 bis 1753: St. Anna, Heilige Maria, Gegeißelter Heiland und Schmerzhafte Mutter Gottes. Sie läuten samstags um 15:00 Uhr sowie vor der Sonntagsmesse. 1964 kamen drei Glocken hinzu. Das Vollgeläut erklingt nur bei besonderen Anlässen.

Wieskirche als UNESCO-Welterbestätte
1983 hat die UNESCO die Wieskirche zum Weltkulturerbe erklärt. Aus einer Liste von 10 Kriterien muss eine Welterbestätte mindestens eines erfüllen. Die Wieskirche erfüllt zwei Kriterien: (i) und (iii). Die UNESCO erklärt zu Kriterium (i): „Die Wieskirche, eine Wallfahrtskirche in offener Landschaft, ist ein vollendetes Meisterwerk des Rokoko.“ Und zu Kriterium (iii): „Die Wieskirche ist ein außergewöhnliches Zeugnis der kulturellen und religiösen Traditionen.“ (www.whc.unesco.org/en/list/271).

Anreise

Anschrift
Katholische Wallfahrtskuratiestiftung St. Josef – Wies
Wies 12
86989 Steingaden

Öffnungszeiten & Eintritt Kirche & Wallfahrtsmuseum
Kirche
Winterzeit: 08:00 Uhr – 17:00 Uhr (Montag bis Sonntag).
Sommerzeit: 08:00 Uhr – 20:00 Uhr (Montag bis Sonntag).
Zu diesen Zeiten ist die Kirche geöffnet, aber nicht uneingeschränkt besuchbar.
Uneingeschränkte Besuchszeiten: 08:00-10:00 Uhr (Montag bis Samstag); 12:00-14:00 Uhr (Montag bis Freitag)
Keine Besichtigung (da Gottesdienst): 08:00-13:00 Uhr (Sonntag und kirchliche Feiertage); 10:00-12:00 Uhr (Mittwoch und Samstag); Dienstag: 10:00-11:00 Uhr.
Bedingte Besichtigung: sonstige Zeiträume.
Eine Teilnahme an den Gottesdiensten ist möglich. Informationen zu den Öffnungszeiten unter: www.wieskirche.de/oeffnungszeiten.de.html
Der Eintritt ist kostenlos.

Wallfahrtsmuseum
Nur im Rahmen einer Museumsführung. Anmeldung erforderlich.

Führungen
Die Wallfahrtskuratie bietet – gegen eine Spende – Führungen durch die Kirche und das Wallfahrtsmuseum nach telefonischer (bei Gruppen zusätzlich schriftlicher) Anmeldung. Informationen zu den Führungen: www.wieskirche.de/fuehrungen-allgemein.de.html

Anfahrt
Die Wieskirche ist erreichbar mit Bahn & Bus oder Bahn & Rad.

Bahn & Bus
Zielbahnhof 1: Bahnhof Füssen. Bahnlinie RE 57506. Von dort weiter bis Endhaltestelle Wieskirche (Buslinie 73, Richtung Wieskirche, Steingaden).

Zielbahnhof 2: Bahnhof Weilheim. Bahnlinie: RB 59505. Von dort weiter zur Bushaltestelle „Bahnhof“ (Buslinie 9651, Richtung Echelsbacher Brücke, Rottenbuch). Fahrt bis Endhaltestelle. Von Haltestelle „Echelsbacher Brücke, Rottenbuch“ zur Wieskirche (Buslinie 73, Richtung Bahnhof, Füssen)

Rad
Zielbahnhof: Bahnhof Peiting Nord.
Bahnlinie: BRB86505.

Von dort weiter per Rad (Routenlänge ca. 18,5 km):
1. Vom Bahnsteig zur Münchener Straße, links in die Münchener Straße abbiegen.
2. Dem Straßenverlauf (Münchener Straße, Füssener Straße, B 17) ca 14,7 km nach Süden bis Steingaden folgen.
3. In Steingaden nach Überquerung des Aubachs links nach Osten in die Ammergauer Straße abbiegen.
4. Dem Straßenverlauf (Ammergauer Straße, St 2009) ca. 2,6 km bergauf nach Osten folgen.
Rechts nach Süden in die St 2559 abbiegen. Der St 2559 ca. 2,7 km nach Süden bis zur Wieskirche folgen.

Auto
Navi-Eingabe (Parkplatz): Wies 7, 86989 Steingaden. Der Parkplatz ist kostenpflichtig. Er liegt rund 200 m entfernt von der Wieskirche.

Weitere Bauten der Gebrüder Zimmermann
Die Brüder Dominikus und Johann Baptist Zimmermann erhielten ihre künstlerische Ausbildung an der Benediktinerabtei Wessobrunn (sog. “Wessobrunner Schule”). Sie haben noch weitere Kirchen errichtet bzw. ausgemalt:
Klosterkirche Maria Medingen (Bau: 1717-1719; Malereien: 1719-1722): Erstlingswerk
Wallfahrtskirche Steinhausen (Bau: 1728-1729, Malereien: 1731-1733): angeblich die „schönste Dorfkirche der Welt“.
Amalienburg im Schlosspark Nymphenburg (1734-1739, Architekt: François Cuvilliés): Stuck und Malereien von Johann Baptist.

Weltkulturerbestätten des Rokoko:
Würzburger Residenz (1719-1781), Barockschloss mit Räumen im Rokoko-Stil (Weißer Saal).
Schlösser Augustusburg (1725-1746) und Falkenlust (1729-1740) bei Brühl, erbaut für die Kölner Erzbischöfe.
Schloss und Park von Sanssouci bei Potsdam (1745-1747) wurden für Friedrich II. von Preußen errichtet.
Schloss Mosigkau (1752-1757) Das vollständig erhaltene Rokoko-Ensemble (im Hauptgebäude 24 Räume z. T. mit Rokoko-Ausstattung) zählt zum Weltkulturerbe „Gartenreich Dessau-Wörlitz“.
Anna-Amalien-Bibliothek mit dem „Rokoko-Saal“ (1761-1766; August Friedrich Straßburger; nach Brand 2002 wiederhergestellt) zählt zum Weltkulturerbe „Klassisches Weimar“.

Bedeutende Rokoko-Werke sind außerdem Schloss Wilhelmsthal (bei Kassel), Schloss Benrath (Düsseldorf) sowie Räume der Residenz Bayreuth (Das zum UNESCO-Welterbe zählende Markgräfliche Opernhaus wird – obwohl fast zeitgleich mit der Wieskirche errichtet – nicht dem Rokoko, sondern dem Barock zugeordnet.).

Nahegelegene Welterbestätten, Orte des Immateriellen Welterbes oder Weltdokumentenerbes
Von der Wieskirche aus kann man eine Welterbetour zu anderen Welterbestätten unternehmen:
Nahegelegene Orte mit immateriellen Kulturerbe oder Weltdokumentenerbe der UNESCO sind:
Oberammergau (ca. 15 km südöstlich): Alle zehn Jahre finden die Passionsspiele statt, die nächsten Male in den Jahren 2020 und 2030.
Bad Tölz (ca. 50 km östlich): Die Tölzer Leonhardifahrt ist eine Wallfahrt zur Leonhardikapelle.
München (ca. 72 km): eine der drei Handschriften des Nibelungenlieds in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Die Wieskirche steht weit entfernt von anderen Welterbestätten. Die nächstgelegenen sind:
Naturerbestätte „Höhlen und Eiszeitkunst im Schwäbischen Jura“ (ca. 110 km nordwestlich): sechs Höhlen mit rund 40.000 Jahre alter Eiszeitkunst.
Insel Reichenau mit Kloster Reichenau (ca. 137 km westlich): Bodensee-Insel mit dem karolingischen Kloster Reichenau, das für seine Buchmalerei bekannt ist. Einige Schriften zählen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
Historisches Zentrum der Stadt Salzburg (ca. 160 km östlich): Gut erhaltene Altstadt mit der Festung Hohensalzburg.
(Angaben in Luftlinienentfernung von Ortsmitte zu Ortsmitte)

Videos
Deutsche Welle: Die Wieskirche bei Steingaden. (Dauer: 1:02 min, 2018): https://www.dw.com/de/die-wieskirche-bei-steingaden/av-38946792 (Permalink: https://p.dw.com/p/2dPq4 )

Links:
Deutsche UNESCO-Kommission: https://www.unesco.de/kultur-und-natur/welterbe/welterbe-deutschland/wallfahrtskirche-die-wies
UNESCO-Welterbezentrum (englisch): http://whc.unesco.org/en/list/271
Gemeinde Steingaden: https://www.steingaden.de/Wieskirche-UNESCO-Weltkultur.16014.0.html
Monumente online (Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz): Rossner, Christiane: Die Wieskirche fing mit einem hölzernen Christus an. Ein Hochamt des Rokoko. (2016) https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2009/6/ein-hochamt-des-rokoko.php#.XAleuGPA-JA

Literatur
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Wies: Geschichte und Restaurierung. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 55. München, Lipp Verlag 1992. 568 Seiten, ISBN-13: 978-3-8749-0518-3
Engels, Hans / Tilch, Axel: Dominikus Zimmermann. Lichtgestalt des Rokoko. Deutscher Kunstverlag, Berlin, München 2017. 88 Seiten, ISBN-13: 978-3-4220-7370-8
Fellner, Gottfried (Hrsg.): Die Wieskirche – Wallfahrt zum gegeißelten Heiland. Verlagsgruppe Schnell & Steiner, Regensburg 2016. 128 Seiten, ISBN-13: 978-3-7954-3059-7
Finkenstaedt, Thomas; Finkenstaedt, Helene: Die Wieswallfahrt. Ursprung und Ausstrahlung der Wallfahrt zum Gegeißelten Heiland. F. Pustet, Regensburg 1981. 187 Seiten, ISBN: 3-7917-0717-5
Kirchmeir, Georg; Hasenmüller, Margret: Die Wies. Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland. Verlag Wilhelm Kienberger, Lechbruck [ohne Jahresangabe]

Beitragsbild: Hanno Rathmann [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons